In der diskreten Welt der Genfer Haute Joaillerie, nimmt Nadia Morgenthaler eine seltene Stelle ein. Sie ist Handwerkerin und Visionärin, Ingenieurin und Poetin zugleich.
Ihre Berufung entdeckte sie mit fünfzehn Jahren, während eines Praktikums an der Genfer Kunstgewerbeschule, der heutigen HEAD Genève. Eingeschrieben hatte sie sich für Grafikdesign, doch in dem Moment, in dem ihre Finger Metall und Stein berührten, machte etwas Klick. „Vom ersten Tag an wusste ich, dass ich genau das in meinem Leben machen wollte“, erinnert sie sich. Was folgte, waren drei Jahrzehnte der Perfektionierung, in denen sie hinter den Kulissen für einige der weltweit anspruchsvollsten Schmuckhäuser arbeitete.
Im Jahr 2009, als ihr Mentor in den Ruhestand ging, übernahm Morgenthaler das Genfer Atelier, in dem sie jahrelang die Visionen anderer Designer verwirklicht hatte. Nun begann sie, von eigenen Kreationen zu träumen. Im Dezember 2013 brachte sie schließlich ihre gleichnamige Marke auf den Markt. „Es war an der Zeit“, erklärt sie schlicht, „modernem Schmuck eine Seele zu verleihen.“
Was macht den unverwechselbaren Wiedererkennungswert ihrer Arbeit aus? Da ist zunächst die technische Kühnheit. Ihre Stücke zeichnen sich durch eine charakteristische Metallkombination aus: Schichten von Silber rahmen Gold ein, oder das Silber liegt auf dem Gold. Mit der Zeit oxidiert das Silber auf natürliche Weise zu einer satten schwarzen Patina, die eine Tiefe und einen Kontrast erzeugt, der die Steine regelrecht schweben lässt. Diese Vorgehensweise birgt ein Risiko. Die Metalle haben unterschiedliche Schmelzpunkte, und sie derart miteinander zu verbinden, erfordert eine Geduld und Präzision, die die meisten Werkstätten nicht aufbringen würden.
Und dann sind da die Perlen: In nahezu jeder Kreation finden sich Naturperlen, die ihre Arbeit mit der Pracht aus Tausendundeiner Nacht verbinden, die sie schon als Kind bewunderte. Sie betonen die Formen, fügen den Stücken Weichheit hinzu und verleihen ihnen „eine sinnliche Dimension“, wie Morgenthaler es nennt. Die von ihr ausgewählten Steine tendieren zu gedämpften, schwer definierbaren Farben: puderrosa Turmaline, minzgrüne Spinelle, sanftgraue Mondsteine. Nichts zu Kräftiges. Sie gesteht, dass die Arbeit mit einem tiefblauen Saphir schwierig für sie wäre.
Ihre Ohrringe sind zu einer Art Visitenkarte geworden. Im Gegensatz zu herkömmlichen Designs, wird jedes Paar mit einem unterschiedlichen linken und rechten Ohrring gefertigt, welcher auf die perfekte Balance bei dem jeweiligen Ohr abgestimmt ist. Noch bemerkenswerter ist, dass die Stücke beim Ablegen in sich zusammenfallen. Sie werden nur beim Tragen zum Leben erweckt, wenn sie Bewegung und Licht einfangen, ein Gesicht umrahmen. Dies ist beabsichtigt. Morgenthaler designt für jene Frauen, die ihre Juwelen mit Freude tragen – und nicht für die Vitrine.
Die Einflüsse sind vielschichtig und nie direkt. In den schmiedeeisernen Strukturen ihrer Fassungen lebt die Architektur der Belle Époque weiter. Die Pracht der Maharadschas hallt in Umfang und Dramatik nach, während die Maler der Flämischen Primitiven ihre Aufmerksamkeit für komplexe Details prägten. „Es gibt keinen festen Prozess“, sagt sie. „Es geht immer um Emotionen. Du fühlst einen Stein, eine Perle oder eine Kontur, die du gesehen hast, und verwandelst sie in ein Juwel.“
Pro Jahr fertigt Morgenthaler nur eine Handvoll Stücke, jedes vollständig in ihrer Genfer Werkstatt von einem Team aus sieben Kunsthandwerkern hergestellt. 2019 wurde sie mit dem Prix du Designer de l'Année ausgezeichnet, dem renommiertesten Preis für Schmuckdesign in der Schweiz.
Ihre Philosophie wurzelt in etwas, das sie einst über Identität sagte: „Man formt seine Identität wie ein Metall, indem man sich die Zeit nimmt, das Material zu fühlen und sich daran zu gewöhnen, wie es arbeitet.” Dieselbe Geduld, mit der Gold in seine Form gebracht wird, prägt auch ihre kreative Sprache. Jedes Stück trägt drei Jahrzehnte Erfahrung in sich, ein tiefes Wissen darüber, was möglich ist und wie man diese Grenzen behutsam erweitern kann.
Für Sammler, die mehr als nur schöne Objekte suchen, hält Morgenthaler etwas weitaus Selteneres bereit: Schmuck mit wahrhafter Seele, gefertigt von Händen, die jeden Millimeter des Schaffensprozesses verstehen.
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Last Updated on März 18, 2026 by Editorial Team
Als freiberufliche Autorin schreibt sie für Nachrichtenportale und Agenturen im DACH-Raum und berichtet über Themen im Bereich Wirtschaft, Politik und Prominews. Sie reist leidenschaftlich gern, liebt es, neue Kulturen zu erkunden und Kontakte zu Menschen aus aller Welt zu knüpfen.



