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Berlins Kelim Königin: Beyza Özler von Wild Heart Free Soul

Berlins Kelim Königin: Beyza Özler von Wild Heart Free Soul

Erst in ihren Mittzwanzigern begann Beyza Özler sich für ihre türkische Herkunft zu interessieren. Alles fing mit den psychedelischen Klängen der türkischen Musik der 60er und 70er Jahre an und setzte sich fort bis nach Kaş, wohin Beyza mit ihrer damals erst sechs Monate alten Tochter im Jahr 2012 zog. Hier sah sie zum ersten Mal türkische Kelims und verliebte sich sofort. Jahre später gleicht ihr Laden im Prenzlauer Berg einer visuellen Enzyklopädie der Kelim-Kultur; eine ontologisch weibliche, fast mystische Energie, eingebettet in ihre Symbolsprache und Farbenpracht. Bei mehreren Tassen türkischen Tee und Kaffee offenbart Beyza ihr enormes Wissen und erzählt die Geschichte ihrer Reise von Berlin bis zu den Feldern Antalyas, wo ihre Kelims das reine Sonnenlicht und die frische Luft im Überfluss in sich aufsaugen.

Beyza Özler von Wild Heart Free Soul | Foto: Patrick Desbrosses

Wie bist du auf Kelims aufmerksam geworden?

Als ich Mutter wurde, beschloss ich, dass ich meiner Tochter nichts beibringen kann, wenn ich die türkische Sprache und Kultur nicht besser kennenlerne. Ich begann zunächst mit einem zweiten Studium der Turkologie. Nach nur einem Semester vertiefte ich mich in das Fach und erlangte meine Türkischkenntnisse wieder. Die Tiefe und Vielfalt der türkischen Kultur inspirierten mich so sehr, dass ich sie für mich selbst erfahren wollte. 

Also reiste ich mit meiner Tochter in die Türkei. Mein erster Ort war Kaş, wo eine Freundin lebte, die ich während meiner Yogalehrerinnenausbildung in Indien kennengelernt hatte. Und dann blieb ich dort; zwei Jahre lang. Es war vollkommen anders, unter Menschen zu sein, die meinen türkischen Hintergrund teilten. Ich merkte, wie gut mir das tat. Es war schön für mich zu entdecken, dass das Erbe in deinem Blut, in deiner DNA steckt und dass man es nicht leugnen kann. Ja, und dann traten Kelims in mein Leben.

Ich hatte eine Wohnung mit einer großen Dachterrasse gemietet und wollte dafür etwas kaufen; einen Teppich, vielleicht ein paar Kissen. Also ging ich in ein Geschäft mit einem wirklich coolen Teppichhändler und dort nahm ich zum ersten Mal bewusst Kelims wahr. Zuvor kannte ich nur diese alten geknüpften Orientteppiche, die mich nie wirklich angesprochen haben. Aber ich erinnere mich noch lebhaft, als ich seine Kelims sah, war es beinah wie ein Schock für mich, eine sehr intrinsische Erfahrung, durch die ich mich plötzlich verbunden fühlte. Ich war fasziniert.

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Du hast deine Faszination für Kelims zu deinem Beruf gemacht. Erzähl uns, wie es dazu kam.

Von klein auf habe ich immer mit Textilien gearbeitet; meine Eltern hatten eine Modeboutique, mein Vater eine Modeproduktion in Istanbul und ich studierte Textilwirtschaft. Ich war schon immer von Stoffen fasziniert, aber ich wollte nicht mehr in der Modebranche arbeiten. Sie war mir zu schnelllebig, oberflächlich und nicht nachhaltig genug. Als ich dann Kelims sah, wow, das war etwas ganz anderes; die Verbindung mit meiner eigenen Kultur und meinem eigenen Handwerk, diese Symbolik mit ihrer mystischen Essenz. Ich war hin und weg.

Zu Beginn hatte ich kein Konzept, ich sagte nicht: „Okay, ich werde jetzt Teppichhändlerin.“ Es entwickelte sich alles auf ganz natürliche Weise. Es begann damit, dass ich Kelims für mich kaufte und meine Wohnung dekorierte. Dann, als meine Freunde zu Besuch kamen, wollten sie unbedingt auch ein paar Kelims mit nach Hause nehmen. Da dachte ich, ok, lass mich versuchen, ein paar Kelims und Kissen mit nach Berlin zu nehmen. Ich kaufte einige von dem Händler in Kaş und merkte schnell, dass es wirklich gut funktionierte und dass ich Freude daran hatte, sie zu verkaufen.

Wie kommen die Kelims aus der Türkei in dein Geschäft? 

Ich bin Perfektionistin und mache keine halben Sachen. Ich mache es mir wahrscheinlich viel komplizierter, weil ich alles von Anfang bis Ende kontrollieren will. Deshalb kaufe ich nicht einfach irgendwo irgendetwas ein und bringe es direkt zurück in meinen Laden und das war’s. Ich habe verschiedene Quellen und kaufe meine Kelims entweder von Händlern, direkt von Familien oder von Leuten, die über die Jahre eine private Sammlung aufgebaut haben und nach Käufern suchen. Ich bekomme nie etwas in mein Geschäft geliefert, von dem ich nichts weiß. Jedes einzelne Stück wird von mir genehmigt und jedes einzelne Stück wird von uns gereinigt und restauriert. Deshalb kann ich auch immer Qualität garantieren.

Nach dem Kauf werden die Kelims zunächst in Istanbul, in unserem Depot in Sultanahmet, eingelagert. Dort bleiben sie bis zum Frühsommer und werden dann nach Antalya geschickt. Nach dem Reinigen und Waschen werden die Kelims je nach Art auf Feldern unter freiem Himmel, direkt in der Sonne, etwa drei Monate lang ausgebreitet. Sie werden mehrmals gewendet, von Staub befreit und dann nach Istanbul zurückgeschickt, wo wir sie restaurieren. Es ist also ein langer Prozess, den ich über die Jahre entwickelt habe. Dabei hatte ich jedoch von Anfang an Glück, die richtigen Leute zu finden, um mit ihnen zusammenzuarbeiten.

Du sagtest, dass die Modeindustrie für dich nicht nachhaltig genug sei. Wie fördern Kelims die Idee der Nachhaltigkeit?

Kelims sind das Nachhaltigste, das man kaufen kann. Die alten Kelims wurden bereits vor 60-70 Jahren gewebt. Es gibt sie demnach schon. Natürlich muss man etwas Energie und Arbeit investieren, um sie zu restaurieren, aber das ist minimal im Vergleich zur Herstellung eines völlig neuen Produktes. Wir versuchen auch, mit den natürlichsten Methoden zu arbeiten. Die Sonne zum Beispiel ist das stärkste Waschmittel. Die Kelims werden zuerst mit Seife und Wasser gewaschen und dann auf großen Kelim-Feldern ausgebreitet. Sie liegen dort nicht nur zum Trocknen, denn das dauert nur wenige Stunden – dafür muss man sie nicht drei Monate lang in der Sonne liegen lassen. Aber sie liegen dort, weil die Sonne sie zum einen durch die Hitze und zum anderen durch das Licht desinfiziert. Dann hat man keine Bakterien oder Motten und durch die frische Luft werden zusätzlich schlechte Gerüche beseitigt. Die Sonne entfernt auch jene Flecken, die beim Waschen nicht entfernt werden konnten, zum Beispiel werden Obst- oder Gemüseflecken durch die Sonne ausgebleicht. Deshalb arbeiten wir mit der Sonne. Sie kostet uns nichts und ist das Natürlichste, was es gibt; und man verschmutzt die Umwelt nicht.

Ich mag den Gedanken, dass Kelims Inneneinrichtung mit Seele sind. Also nicht etwas von der Stange oder von IKEA, sondern etwas, das man sich ins Haus holt und in das viel Liebe geflossen ist. Zuerst von den Webern & Weberinnen und dann natürlich auch von uns. Ich achte immer darauf, dass die richtigen Leute in den gesamten Prozess eingebunden sind. Denn wir alle tun das mit Liebe und das spürt man auch.

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Text: Feride Yalav-Heckeroth

Fotos: Wild Heart Free Soul

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