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Børge Ousland: Der Entdecker und Gründer des Manshausen Design Hotels
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Børge Ousland: Der Entdecker und Gründer des Manshausen Design Hotels

Børge Ousland weiß, wie man unter den widrigsten Bedingungen überlebt. Er ist einer der erfolgreichsten Polarforscher der Welt, hat Grönland, den Süd- und Nordpol, die Arktis und die Antarktis durchquert. Letztes Jahr gingen Ousland und sein Kollege, der erfahrene Polarforscher Mike Horn, bis an die Grenze des Menschenmöglichen, als sie das Eis des arktischen Ozeans in zumeist arktischer Dunkelheit überquerten. Sie schafften es mit letzter Kraft.

Mit nur noch einem halben Liter Brennstoff und 300 Gramm Nahrung erreichte das Duo an Tag 87 den Abholpunkt, den Rand des Schelfeises, nördlich der norwegischen Inselgruppe Svalbard. Ousland hat nicht vor, eine solche Expedition in nächster Zeit zu wiederholen, seine Verbundenheit mit der Natur und sein Engagement für ihre Erhaltung bleiben jedoch ungebrochen stark wie eh und je. 

 Wir hatten die Chance, mit dem Polarveteranen über die Herausforderungen und Vorteile einer solch intensiven Verbindung zur Natur zu sprechen, den Ansatz für seine Manshausen Gästehäuser, die er zusammen mit dem Architekten Snorre Stinessen entworfen hat, sowie über die Schönheit, das Leben ganz im Hier und Jetzt zu genießen.

Børge Ousland - Manshausen
Børge Ousland (l.)

Wie wurden Polarexpeditionen zu einem Teil deiner Identität?

Seit mehr als 30 Jahren sind sie bereits Teil meines Lebens. Ich denke, die Basis, auf der meine Expeditionen entstehen, erwächst aus dem Wunsch nach Abenteuer, Herausforderung und dem Drang, zu sehen, was da draußen ist. Eine Neugierde, die mich schon immer begleitet hat. Als ich jung war, arbeitete ich als Taucher in der Nordsee und lernte zwei Jungs kennen. Wir teilten die gleichen Interessen, wie Zeit in der Natur und im Zelt zu verbringen. Also beschlossen wir, gemeinsam mit Skiern Grönland zu durchqueren.

Das war 1986, vor GPS und vor Gore-Tex. Es war ein großartiges Abenteuer und ich dachte nur, wow, das ist etwas Besonderes, was ich vielleicht öfter machen sollte. Du beginnst mit einem Schritt und du wirst besser und erfahrener und ehe du dich versiehst, überquerst du allein den Nord- und den Südpol, was du vorher niemals für möglich gehalten hättest.

Was reizt dich daran, solche Herausforderungen anzugehen?

Ich denke, die Herausforderung spielt eine wichtige Rolle, aber heute, wo ich bereits so viele Reisen gemacht habe, sind es vor allem auch die großen Emotionen, die ich auf meinen Expeditionen erlebe. Du bist da soweit draußen hinter jeder Grenze und es ist einfach so anders als das normale und sichere Leben, welches man zu Hause führt. Da draußen zu sein – nicht nahe am Tod, sondern nahe am Leben – diese großartigen Emotionen, in denen man dem Leben so nahe ist, das ist es, wonach ich suche.

Børge Ousland

Du bist der erste Mensch, der allein die Antarktis durchquert hat. Woher kam der Wunsch nach dieser immensen Aufgabe? Warum hast du dieses Wagnis auf dich genommen?

Diese Solo-Expedition durch die Antarktis war eine der letzten großen Herausforderungen, an die sich noch niemand gewagt hatte. Ich dachte mir, dass es möglich sei und ich es schaffen könnte, also habe ich es einfach gemacht. Es ist tatsächlich eine große Befriedigung, etwas zu tun, was noch nie zuvor jemand gewagt hat. Etwas, dass in meinen Augen in uns allen steckt. Wir alle wollen etwas meistern und besonders gut in einer Sache sein, das ist ziemlich universell.

Ich glaube nicht, dass es einen Unterschied zwischen mir und einem Goldmedaillengewinner bei den Olympischen Spielen oder einem Weltmeister im Schach gibt, bei allen ist es mehr oder weniger der gleiche Antrieb oder die gleiche Kraft. Wir alle streben danach, etwas zu meistern und besonders gut darin zu sein.

Was braucht es, um sich mental und physisch auf eine solche Reise vorzubereiten?

Ich finde, es ist schwierig, sich mental auf so etwas vorzubereiten, weil es ein so frappierender Unterschied zu dem Leben ist, was ich hier in Norwegen, außerhalb von Oslo, führe. Hier ist alles sicher und ich bin die ganze Zeit von Menschen umgeben. Der Unterschied zwischen diesem Leben und dem plötzlichen, völligen Alleinsein in der Antarktis oder am Nordpol ist einfach riesig und ich denke nicht, dass man sich überhaupt richtig mental darauf vorbereiten kann. Man muss einfach nehmen, was kommt und damit umgehen. 

Gleichzeitig muss man lernen, sich in allen Aspekten zu akzeptieren. Die guten und die schlechten Seiten. Im Besonderen, da ich diese Expeditionen nun schon ein paar Mal gemacht habe. Man muss akzeptieren, dass es Tage geben wird, die so hart sind, dass man das Gefühl hat, aufgeben zu müssen und zu verstehen, dass es eben nur ein Gefühl ist, welches vergeht, wenn man ihm nur Zeit gibt. 

Im physischen Teil der Vorbereitung hingegen legt man den eigentlichen Grundstein für Erfolg. Man bereitet seine Ausrüstung vor, die Logistik der Strecke, die Satellitenkarte und plant detailliert voraus. Man muss körperlich gut trainiert sein. Es gibt einem mentale Ruhe, wenn man weiß, dass der Körper in der Lage sein wird, das zu bewältigen, was auf einen zukommt. 

Mann in der Antarktis
Børge Ousland

Gibt es ein spezifisches Workout, welchem du in deiner Vorbereitung systematisch folgst?

Auf jeden Fall. Wir haben eine ganz spezielle Trainingstechnik entwickelt, wenn es um die Vorbereitung auf Polarexpeditionen geht und das ist das Ziehen von Gummi- oder Autoreifen. Ich bin heute tatsächlich um 6 Uhr aufgestanden und habe mit meinem Rucksack und den Skistöcken zwei Autoreifen hinter mir hergezogen. Diese Bewegung und die Art des Trainings sind eigentlich dasselbe wie das Ziehen eines Schlittens, man stärkt dabei die gleichen Muskeln und Sehnen. Das bedeutet, dass dein Körper besser darauf vorbereitet ist, was einen da draußen auf dem Eis erwartet, daher ist es wirklich eine sehr gute Art des Trainings.

Wie ändert ein solcher Alleingang einen Menschen und dessen Perspektiven?

Eine Sache, die ich an diesen Expeditionen wirklich mag, ist, wie nahe man der Natur und auch sich selbst kommt. Es gibt da draußen niemand anderen außer dir selbst, auf den du dich stützen kannst. In gewisser Weise sind diese großen Solotouren eine Art Meditation. Ich denke, die wichtigste Erkenntnis, die ich aus dieser direkten Verbindung zur Natur gewonnen habe, ist, dass sie etwas Größeres ist als wir und wie sehr wir von ihr abhängen und dass wir uns um sie kümmern müssen. 

Der andere Aspekt ist die Fähigkeit, wieder all die kleinen Dinge schätzen zu lernen, die wir für so selbstverständlich halten, wie gute Gesundheit, Freunde, Familie, die Möglichkeit, einfach den Kühlschrank zu öffnen und ein Glas Milch herauszunehmen oder die Dusche zu benutzen. Die Leute denken nicht über diese Dinge nach. Ich tue es mittlerweile, weil ich drei Monate lang da draußen bei minus 40 Grad ohne Dusche und ohne einen sicheren Platz zum Schlafen gelitten habe. So lernt man wahrhaftig die kleinen Luxusgüter zu schätzen, die wir alle als selbstverständlich hinnehmen. Und am Ende des Tages ist es das, worum es im Leben geht. Es geht nicht um die zwei–drei Monate, die ich auf einer Expedition bin, sondern wirklich geht es um den Rest meines Lebens, welches ich zurück zu Hause genießen kann. Das Leben geht so schnell vorbei.

Foto: Manshausen

Wie bist du mit der Pandemie umgegangen?

Während der Pandemie in Norwegen, besonders im März, als meine Tochter nicht mehr zur Schule gehen konnte, sind wir als Familie enger zusammengewachsen. Wir konnten nicht ins Ausland, aber wir konnten innerhalb Norwegens reisen und Dinge in der Nachbarschaft tun, für die wir vorher keine Zeit hatten. Man passt sich also einfach an die Situation an und findet neue Wege, damit umzugehen. Ich denke, das ist genauso natürlich wie zu akzeptieren, dass dies im Moment die Realität ist.

Man geht mit dieser Realität um, aber man weiß auch, dass sie nicht ewig andauern wird. Alle Situationen haben eine positive und eine negative Seite und man wählt selbst, auf welcher Seite man stattfinden will. Nach all meinen Expeditionen weiß ich, Probleme wahrhaftig zu schätzen. Ich kann aus ihnen lernen. Das empfinde ich als positiv, denn es löst die großen Emotionen im Leben aus. Solange die Dinge am Ende mehr oder weniger gut bewältigt werden, sind Probleme gut, sie machen dich stärker.

Manshausen
Foto: Manshausen

Lass uns ein wenig über die Manshausen Cabins, die du in Zusammenarbeit mit dem Architekten Snorre Stinessen entworfen hast, sprechen. Wie ist es dazu gekommen?

Ich habe das Grundstück ursprünglich vor etwa zehn Jahren für den privaten Gebrauch gekauft. Alles, was ich gerne mache, ist dort zu finden: Angeln, Kajakfahren, Tauchen, Wandern, Klettern. Die Natur ist einfach fantastisch und ich habe mich gefragt: Warum teile ich sie nicht mit anderen? Snorre habe ich über Freunde kennengelernt. Ich engagierte ihn als Architekten und unsere Zusammenarbeit stellte sich als sehr fruchtbar heraus. Ich habe mir gewünscht, dass sich meine Verbundenheit zur Natur im Design dieser Hütten widerspiegelt und ich denke, dass uns das wirklich gut gelungen ist. Selbst im Inneren der Hütten fühlt man sich eins mit der Natur, weil alle drei Seiten verglast sind. Darin besteht die Hauptidee, innen soll man sich sicher und warm fühlen, während man zugleich Teil der Umgebung ist.

Außerdem wollten wir eine bodenständige Atmosphäre schaffen, was gar nicht so leicht ist. Aber wir haben es geschafft. Wenn die Leute nach Manshausen kommen, kann man sehen, wie sie sich erden und ihre Schultern entspannen. Sie lassen ihre Telefone liegen, sitzen da und sind einfach in der Natur. Das ist es, was wir anbieten, denn mit Luxus können wir nicht konkurrieren. Wir müssen dieses besondere Gefühl der Verbundenheit und eine einzigartige Atmosphäre schaffen. Das kann man auf den Fotos nicht wirklich sehen. Auf den Fotos sieht man in Manshausen eine Design- und Architektur-Lodge in der Arktis, aber dieses einzigartige Gefühl, an einem Ort zu sein, an dem man kreativ wird, an dem man seine Sorgen hinter sich lässt und seine Denkweise ändert… um das zu erleben, muss man es mit eigenen Augen sehen.

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Manshausen
Manshausen Insel

Weshalb ist die Verbindung zur Natur so essentiell?

Ich glaube, dass es schon deswegen wichtig ist, weil wir permanent für etwas leben, was erst morgen eintritt.  Wir planen oder arbeiten immer für etwas, was in der Zukunft stattfindet und sind damit nicht mehr in unserem eigenen Leben präsent. Wir holen uns selbst nicht mehr ein. Aber die Zukunft wird sich nicht realisieren und du wirst in deinem eigenen Leben nicht ankommen, wegen all des Stresses, den du dir selbst auferlegst in diesem Prozess. Aber wer nach Manshausen kommt, vergisst die Zeit; man vergisst den Druck und wird präsent im Hier und Jetzt, womit man auch endlich bei sich selbst ankommt. 

Man ist immer im Rückstand, aber in Manshausen holt man sich selbst ein.

Hast du noch weitere Projekte oder Expeditionen für die Zukunft geplant?

Manshausen zu entwickeln ist ein fortlaufender Prozess. Es hat fünf Jahre gedauert, bis wir alles gebaut und Dinge wie das Restaurant zum Laufen gebracht haben. Jetzt werden wir uns weitere fünf Jahre Zeit nehmen, um so nachhaltig wie möglich zu werden. Das ist unser ausdrückliches Ziel in Manshausen.

In diesem Jahr haben wir alle großen Dächer und Wände mit Solarzellen ausgestattet und im Februar werde ich eine Testfahrt mit einem Elektroboot an der Küste machen. Wir wollen auch noch mehr von den uns gegebenen Ressourcen nutzen. Wir haben einen fantastischen jungen Koch mit Erfahrung aus verschiedenen skandinavischen Sternerestaurants. Gemeinsam erkunden wir, was wir vor Ort ernten und im Restaurant verwenden können. Wir bauen außerdem ein Gewächshaus, um unser Ziel, die lokalen Ressourcen besser zu nutzen, umzusetzen. 

Darüber hinaus habe ich einige kleine Expeditionen geplant, darunter ein Projekt mit Vincent Colliard namens Ice Legacy. Wir wollen die 20 größten Eiskappen der Welt überqueren und darüber vermitteln, was in unserer Umwelt so vor sich geht, denn die Eiskappen schmelzen und wie wir alle wissen trägt dies zum Anstieg des Meeresspiegels bei. Wir hoffen, damit eine Stimme in der Klimadebatte zu sein.

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Interview: Raffaele Castelli, Feride Yalav-Heckeroth

Worte: Feride Yalav-Heckeroth

Fotos: Børge Ousland

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