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Klaus Thymann: Fotograf, Filmemacher & Entdecker im Interview
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Klaus Thymann: Fotograf, Filmemacher & Entdecker im Interview

Klaus Thymann ist Fotograf, Entdecker, Wanderer zwischen den Welten und interessiert an Lösungen für die großen Probleme unserer Zeit.

Für ihn sind die moralischen Verpflichtungen, die wir als Spezies unserer Welt und unserem Planeten gegenüber haben, der Inbegriff von Noblesse und etwas, wonach jeder auf seine Art und Weise streben sollte. Für Klaus wäre es leicht, Bekanntheit als ein weiterer weißer Mann mit blonden Locken und Bart auf einem unbekannten Berggipfel oder einer Eisscholle zu erlangen und damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Das Einzige was er damit erreichen würde, wäre seinem Ego Streicheleinheiten zu verschaffen, so der Däne.

Ihm reicht es aber nicht, Unbekanntes zu entdecken oder Entdecktes abzulichten. Ihm geht es darum Verbindungen aufzuzeigen, die unsere Welt in ihrer Ganzheitlichkeit greifbarer machen. 

„Wir kennen die Oberfläche des Mars und des Saturn besser als den Meeresboden. Je mehr wir von etwas wissen, umso greifbarer wird es und umso mehr wächst unser Bedürfnis, es zu schützen. Die Zeit der Bewusstwerdung ist vorbei. Jetzt geht es darum Lösungen zu finden. Unser Haus steht in Flammen und endlich haben wir begriffen, dass wir etwas tun müssen. Ich bin Mittelsmann zwischen dem Verstehen und dem Tun.“

Wir sprachen mit Klaus über seinen Lebensweg, was ihn antreibt, über Hoffnungen und Bestrebungen nach einer besseren Zukunft.

Klaus Thymann Photographer
Foto: Klaus Thymann

Klaus, du bist Fotograf, Filmemacher, Entdecker, Wissenschaftler, Geschichtenerzähler. Wie hast Du angefangen und gab es einen initialen Startpunkt? 

Ich habe schon zu Schulzeiten als Fotograf und Texter gearbeitet und wollte eigentlich Journalismus studieren. Aber ich hätte ein Jahr auf einen Studienplatz warten müssen. Das kam für mich nicht in Frage. Also nutzte ich die Zeit, um zu sehen, ob ich von der Fotografie leben könnte. Ich begann mit Modefotografie. Meine Bilder waren authentisch und glaubhaft. Ich hatte zwar kein Interesse an der Mode selbst, aber eine Leidenschaft für Bildkomposition und Ehrlichkeit, die ich im Zusammenspiel zwischen Model und Mode leicht herausarbeiten konnte. Ich liebte was ich tat und so wurde mein Hobby zum Job. 

Ich experimentierte mit verschiedenen Medien, konzipierte und drehte Musikvideos, Kunstfilme, Dokumentationen. 

In der Fotografie konnte ich eigene Welten erschaffen und neue Realitäten konstruieren, die mir wiederum völlig neue Möglichkeiten und Blickpunkte eröffneten. Es war eine Zeit des Ausprobierens und zugleich eine Suche nach meinen eigenen Wurzeln.

Wie bist du von Popkultur und Mode zur Landschaftsfotografie und deiner Arbeit als Entdecker und Wissenschaftler gekommen? 

Mich haben Subkulturen immer sehr interessiert. Reale Bedingungen, authentische Persönlichkeiten und Umgebungen. Ende der 90er Jahre waren Subkulturen noch spannend, da sie Zeit hatten sich zu entwickeln, zueinander zu finden. Anders als heute war das damals nicht so leicht, daher fanden sich auch nur jene zusammen, die wirklich meinten was sie taten. Da kam wieder die Glaubwürdigkeit ins Spiel.

Je mehr ich mich der Realität näherte, umso näher kam ich mir selbst und stellte mir die Frage: Warum mache ich das alles? Nur Fotograf zu sein reichte mir nicht und ich dachte darüber nach, wer ich eigentlich sein und was ich mit meiner Arbeit erreichen will. Die alte Frage: Was müsste auf meiner Business-Karte stehen? Ich sah plötzlich eine Verantwortung in meiner Arbeit, die über die bildhafte Konstruktion surrealer Welten hinausging.

Foto: Klaus Thymann

Wie ging es weiter?

Mich bewegte das Thema Toleranz. Ich fand den Gedanken, Hybridkulturen zu portraitieren dafür passend. Ich fotografierte für das Projekt Hybrids Untergrundgärten in Tokyo, Schnee-Polo in Sankt Moritz, Hip-Hop Battles in China, Unterwasser-Striptease in Chile und Techno-Hippies beim Burning Man Festival. Das daraus entstandene Buch ist absolut roh. Kein Bild wurde bearbeitet oder beschnitten. 

Ich wollte die abstrakte Idee von Toleranz fühlbar und nachvollziehbar machen und den Begriff anhand echter Geschichten erzählen. Mein Medium war das Bild, aber genauer betrachtet wurde ich zum Geschichtenerzähler.

Die Menschen wissen zwar was Toleranz bedeutet, aber viele können diese nur leben, wenn ihnen gezeigt wird was es alles gibt auf der Welt und wie schön diese Andersartigkeit ist. Ich konnte Gleichnisse aufzeigen und nahebringen was es heißt, tolerant zu sein.

Foto: Klaus Thymann

Der Klimawandel ist seit Jahren eines deiner Hauptmotive. Wie kam es dazu?

Ein großes Thema, welches damals anfing, mir auf der Seele zu brennen. Die ersten Auswirkungen des Klimawandels wurden sicht- und greifbar und zugleich weltweit komplett ignoriert. Also überlegte ich, wie ich aktiv werden könnte. Damals ging es noch um Aufmerksamkeit. Das ist heute anders. Heute wissen wir, dass wir etwas tun müssen.

Mit diesem Gedanken im Hinterkopf hob ich Project Pressure aus der Taufe. Eine Wohltätigkeitsorganisation die, abstrakt gesagt, durch Verschmelzung von Wissenschaft und Kunst bildhaft auf die Probleme unserer Zeit hinweist und Daten sammelt, die helfen, Lösungen zu finden. 

Die Idee dahinter ist einfach. Wie zeigt man die Relevanz der Thematik an einem Beispiel der Natur, so dass sie jeder nachvollziehen kann? Das Abschmelzen der Gletscher weist klare Verantwortlichkeiten zu und zeigt den Menschen, was Klimawandel wirklich bedeutet. 

Um nicht ungewollt selbst im Vordergrund zu stehen, bat ich Künstler wie Simon Norfolk, Michael Benson und Renate Aller, um nur einige zu nennen, auf ihre Art und Weise etwas beizusteuern. Ich wollte die Aufmerksamkeit nicht auf den weißen, bärtigen Dänen, der prestigeträchtig auf einen Gletscher steigt, legen, sondern auf die Tatsache, dass die Gletscher schmelzen, was bildhaft zeigt, wie real der Klimawandel ist und wie dringend wir darauf reagieren müssen.

Zusammen mit ihnen und verschiedenen Unterstützern und Wissenschaftlern, die weit mehr Ahnung von der Tiefe der Thematik hatten als ich, organisierten wir Expeditionen zu Gletschern auf bisher sechs Kontinenten. Wir fotografierten ihren Zustand und kartografierten sie so, dass sie sowohl künstlerisch als auch wissenschaftlich verwertbar sind. 

Die gesammelten Informationen, anhand derer Vergleiche angestellt und sowohl das Ausmaß als auch die Geschwindigkeit der Erderwärmung gemessen werden, nutzen die NASA wie auch verschiedene Universitäten. 

Außerdem haben wir weltweite Wanderausstellungen in verschiedenen Museen und Galerien organisiert und Teile der Schweizer Berge mit Bildern und Schlagworten zur Erderwärmung plakatiert, so dass auch Skifahrer und Wanderer darüber nachdenken was sie tun können, um den von ihnen geliebten Sport auch noch in Zukunft ausüben zu können. Nicht zu sprechen von ihren Kindern und Kindeskindern.

Foto: Klaus Thymann

 

Wo glaubst du stehen wir als Gesellschaft und was können wir tun?

Als ich 2008 mit Project Pressure anfing hatte ich noch Hoffnungen, dass wir den CO2-Level in den Griff bekommen. Meine Hoffnungen schwanden bald, als ich sah, dass nichts geschah. 

Wahrscheinlich muss die Katastrophe erst einsetzen und die Luft zum Atmen dünn werden, damit wir alle nachhaltig unser Verhalten ändern. Und nicht auf eine Art und Weise reagieren, die zwar vermeintlich hilft, aber nur eine Verlagerung des Problems darstellt, wie der Ersatz von Plastik- durch Papiertüten. Im Moment passiert noch zu vieles, was zwar ein gutes Gefühl vermittelt, aber keinen wirklichen Wandel herbeiführt.  

Ich für meinen Teil merkte an einem bestimmten Punkt, dass ich mehr fundiertes Wissen brauchte, um mich besser verständlich zu machen und bei der Suche nach Lösungen hilfreich zu sein. Also studierte ich Umweltwissenschaften. Meine Tochter war auf dem Weg und ich dachte, mit einem Baby im Haus hätte ich ja jetzt Zeit, viel zu lesen und zu studieren. Das mit der Zeit hat nicht ganz gestimmt. Die Grundidee hingegen schon. Es fällt mir heute leichter, mit Fachleuten zu sprechen und danach meine Expeditionen zu planen. Ich überlasse wenig dem Zufall. Mein Team und ich analysieren genau was für Möglichkeiten sich bieten, was diese bringen können und wie wir damit umgehen. 

Mit dem Studium wurde das wackelige Prinzip Hoffnung durch rationales, lösungsorientiertes Denken ersetzt. Heute sehe ich mich als Kommunikator komplexer Probleme und biete zugleich Lösungen. Ich denke, darum geht es. Sich zu bilden, das gesellschaftliche Denken zu erweitern und Zusammenhänge zu verstehen. Wenn beispielsweise alle Menschen aufhören würden Rindfleisch zu essen, hätte das einen großen Einfluss auf unser Ökosystem und die CO2 Werte.

Diese überbordende „Wir und Die“-Mentalität, die noch immer vorherrscht, ist mehr als schädlich. Nur wenn wir gemeinsam kämpfen haben wir auch eine Chance.

Klaus Thymann Diving
Foto: Klaus Thymann

Was sind deine nächsten Projekte?

Vor einigen Jahren habe ich den Film Flows gedreht, der die unterirdischen Wasserläufe auf der Halbinsel Yucatan zeigt und verdeutlicht, dass alles Wasser miteinander verbunden ist. Wir sind in tiefe Höhlengänge getaucht, in denen nie zuvor ein Mensch war und konnten zeigen, dass egal wo wir verseuchtes Wasser in den Boden leiten, es endet immer im Meer. Mexiko hatte bisher keine Wasserfilterungssysteme. Jedes Stück Plastik wandert in Form von Mikroplastik ins Wasser, jeder Golfplatz wird mit Phosphor überladen, welches ins Grundwasser sickert, jedes Resort, auch das ökologischste, entlädt die Exkremente seiner Gäste ungefiltert dahin, wo am Ende alles landet: im Meer. Dort zerstört das mit Nährstoffen überladene Wasser die Korallen und addiert einen weiteren Stressfaktor. Flows und der nachfolgende Film Flows 2 – It’s all connected konnten die mexikanische Regierung dazu bewegen, Wasserfilterungsanlagen in Betracht zu ziehen. Selbst Schulen und Bildungseinrichtungen nutzen die Filme, um die zusammenhängenden Kreisläufe zu verdeutlichen. 

Anfang dieses Jahres wird es eine weitere Expedition dorthin geben. Bei einem unserer letzten Tauchgänge in die sogenannten Cenotes haben wir Knochen gefunden, die auf menschliches Leben vor über 10.000 Jahren hinweisen. Um diese genauer zu untersuchen brauchen wir präzise Vorbereitungen, schon um nichts in diesen Höhlen zu zerstören. Keine Luftblasen dürfen unvorsichtig aufsteigen, kein Flossenschlag darf zu stark sein, das Equipment muss präzise geplant und die Kamera das richtige Licht haben. 

Außerdem haben wir kürzlich auf dem Meeresboden vor Dänemark eine Weichkorallenart entdeckt, die niemand dort vermutet hat. Unsere Entdeckung hat die dänische Regierung bewogen, das Fischen mit Schleppnetzen, die über den Boden gleiten, verbieten zu wollen. Diese Korallen sind wichtige Unterstützer eines gesunden Meeresbioms. Auch hier werden wir weitere Untersuchungen anstellen. 

Jedes dieser Projekte hat eine sehr lange Laufzeit. Entdeckst du eine Sache, folgen zehn weitere, die es zu erkunden gilt, im Besonderen, wenn man mit Antworten nach Hause kommen möchte.

Ein weiteres wichtiges Projekt ist die Filmreihe Onwards, die sich mit Lösungsansätzen zur Rettung der Erde und ihrer Umsetzung befasst. Häufig höre ich nur leere Worte. In dieser Reihe portraitiere ich junge Menschen, die der Wahrheit ins Gesicht sehen und umsetzbare Optionen bieten. Sie geben ihrer Generation mehr als wir es konnten, da sie verstanden haben, worum es geht: um uns alle und um alles. Sie sind wahre Hoffnungsträger. 

Hier sind wir gerade in der Entwicklungs- und Fundingphase.

Klaus Thymann Climbing
Foto: Klaus Thymann

Was hast du immer bei dir, wenn du auf eine Forschungsreise gehst?

Eines meiner wichtigsten Tools ist tatsächlich eine verlässliche Uhr. Die Zeitmessung ist eine der bahnbrechendsten Erfindungen. Sie sagt mir, wann ich auftauchen muss, anhand ihrer orientieren sich Satelliten, sie hilft mir bei der Navigation und sie hilft beim Vermessen. Alles dreht sich um die Zeit. Ohne eine verlässliche Uhr bin ich verloren.

Zu guter Letzt, was bedeutet Noblesse für dich?

Nobel kann natürlich verschiedene Bedeutungen haben, aber ich würde sagen, in einem modernen Kontext sollte es mit Moral und den moralischen Verpflichtungen zu tun haben, die wir leben. Einige sind sicher gute Verwalter dieses Planeten, aber mehr auch nicht. Edel zu handeln ist etwas, wonach jeder streben sollte und dabei geht es nicht um Reichtum, es geht um Fürsorge. Glücklicherweise zeigen neuere Theorien, dass Geben nicht nur anderen hilft, sondern oft auch dem Gebenden – ich empfehle jedem der es noch nicht getan hat, Adam Grants Give and Take zu lesen.

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