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Tabarro: Eine venezianische Legende
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Tabarro: Eine venezianische Legende

Sandro Zara wurde 1941 in Italien geboren und ist einer der letzten wahren Gentlemen. Sein Leben ist geprägt von Eleganz und Leidenschaft. Einer Leidenschaft, die er zu seinem Beruf gemacht hat. Er ist ein Meister des echten Tabarro, dem Waffen- oder Wappenrock – dem wahrscheinlich venezianischsten aller Kleidungsstücke. Seine unendliche Hingabe für dieses schöne und hochwertige Symbol italienischen Stils lässt Sandro Zara täglich in immer neue Kreationen in seiner Tabarrificio Veneto einfliessen.

Wir begaben uns auf Entdeckungsreise in das elegante Herz Italiens und sprachen mit Sandro Zara aus Serenissima, der Heimat der Tabarri.  

Sandro Zara wearing a Tabarro
Sandro Zara | Foto: Tabarro

Wie entstand Ihre Liebe zum Tabarro?

Ich wuchs in Mirano auf. Dort gab es, so kurz nach dem Krieg, nur wenige Schneider. Von einem von ihnen habe ich meinen berühmten Wollfaden, wie ich ihn nenne, und ich trage ihn noch heute. Ich konnte sehen, wie er die Tücher einweichte, um sie zu dekatieren (neudeutsch steamen), und dann trocknete und bügelte. Denn hier auf dem Festland färbte Venedig – zwischen 1500 und 1600 der größte Tuchproduzent – die Stoffe mit natürlichen Pigmenten, die durch den internationalen Handelsverkehr in die Serenissima kamen. Das hat mich schon immer fasziniert.

Als ich noch sehr jung war, begann ich zu reisen. Ich fing an, für Alfonso Coin, Gründer des berühmten italienischen Kaufhauses COIN, zu arbeiten, der mir die Verantwortung für die Draperie übertrug; die exakte Menge an Stoff, die es braucht, um einen Anzug für einen Mann herzustellen. Er lehrte mich, Stoffe zu unterscheiden. Das Wissen darum, wie man Wolle anfasst, dass man an ihr riecht, um zu verstehen, ob es sich um recycelte Wolle handelt – denn für diese Praxis wurden damals Öle verwandt, deren unangenehmer Geruch nicht so leicht verfliegt. Einen Meister wie ihn zu haben erlaubte es mir danach in einer angesehenen Wollspinnerei zu arbeiten und die Techniken des Webens, der Veredelung und der Herstellung zu erlernen. Entweder verzaubert Stoff die Menschen oder er langweilt sie zutiefst.

Dann wurde mir das Glück zuteil, die Mittel zu erhalten, mit denen ich meine Leidenschaft kultivieren konnte. Anfang 1972 fing ich an für Levi’s zu arbeiten. Damals hatten sie noch nicht einmal ein Büro. Ich erinnere mich, dass sie mir ein Vorstellungsgespräch im amerikanischen Konsulat in Mailand gaben. Dort wurde ich zu ihrem Agenten gemacht. Und ich habe ein Vermögen verdient.

Die Begegnung mit Giorgio Zava Cini, ein damals bekannter Wolle-Produzent, der Familie Cini (deren Marke ich jetzt besitze) markierte einen Wendepunkt in meinem Leben. Er selbst war ein wahrer Zauberer der Stoffe, der mir als große Geste der Freundschaft am Ende seines Lebens das gesamte historische Archiv seiner Firma vermachte. Das habe ich noch immer. 

Ich habe Museen besucht und auf Straßenmärkten nach Spuren des Tabarro  gesucht. In den Museen erzählte man mir zwar, wie sich die Staatsoberhäupter und ihre Gattinnen, nicht aber die einfachen Leute kleideten. Also habe ich ein Schild vor meinem Laden angebracht, das sich an junge Leute richtete: „Allen, die mir einen alten Tabarro bringen, schenke ich eine neue Windjacke.“ Nach einer Woche musste ich es abnehmen! Ich erhielt so viele, die meisten davon zum Wegwerfen. Aber es gab auch eine Menge, die mir beim Zerlegen ihre Geschichte, welche sich hinter diesem unglaublichen Kleidungsstück verbirgt, offenbarten. 

„Tabarro: Von Geburt an aus der Mode, aber mit zeitlosem Stil.“ – Feliciano Benvenuti (italienischer Jurist)

Junger Mann trägt einen Tabarro
Foto: Tabarro

Wie lange dauert es, einen Tabarro herzustellen? Welche Rolle spielen die Materialien dabei?

In unserer Werkstatt, in der erfahrene Handarbeiter tätig sind, werden allein für das Zuschneiden, Nähen und Bügeln mehrere Stunden benötigt, während das Zusammenfügen der Teile zu einem Umhang noch zusätzliche Zeit in Anspruch nimmt, vor allem wenn man die hochwertigen Stoffe von Loro Piana verwendet.

Für das lange Modell – also ein volles Rad – werden sechs Meter Stoff benötigt. 

Der Stoff ist entscheidend. Früher haben wir Stoffe verwendet, die zwischen 700 und 800 Gramm pro laufendem Meter wogen, aber damals war es noch kälter. Jetzt gehe ich nicht unter 600 g/lfm, ich kann 595 oder 590 tolerieren, aber nicht unter diesem Gewicht, sonst ist es kein Tabarro mehr.

In der Vergangenheit galt es als ein Zeichen von Prestige, ein sechs Meter langes Rad zu tragen. Es war etwas, mit dem man angeben konnte; gleichbedeutend wie wenn man heute ein Luxusauto besitzt. Adlige trugen es als Erkennungsmerkmal, solange sie konnten. Praktischer war stattdessen das Modell mit einem halben Teller oder Rad, zum Beispiel für Berufstätige, die mit dem Fahrrad fuhren.

Wie tragen Sie ihn?

Er muss gut genäht sein, damit er perfekt auf den Schultern sitzt. Er darf nicht zurückrutschen. Beim Laufen umschmeichelt die Innenseite den Träger; man geht und wirft eine Seite über die Schulter, die innenliegende Seite darunter dreht sich mit und schmiegt sich an den Körper, ohne jegliches Zutun. Unsere verschiedenen Modelle, alle nummeriert, passen sich an die Person, die sie trägt, an: die Nobilomo ist lang, die kürzere heißt Brigantino, wobei für Damen die lange Variante sicherlich faszinierender ist; aber Vorsicht, ein Tabarro hat keine Größe! Ich habe ihn sowohl für die größten Opernsänger der Welt als auch für nicht ganz so große Persönlichkeiten aus dem Showbusiness gemacht.

„Vor 25 Jahren habe ich die ersten Tabarros nach Amerika geschickt, dazu schrieb ein Journalist: ,Es sind die ersten Tabarros, die in den USA gelandet sind, ohne dass ein Auswanderer darin steckt.‘ Mittlerweile exportieren wir in die ganze Welt.“ – Sandro Zara

Sandro Zara von Tabarro
Foto: Tabarro

Per Definition ist es „das venezianische Kleidungsstück“. Wie passt es in eine moderne Metropole der Jetztzeit?

Wenn es mit Stil getragen wird, passt es zu jeder Art von Look. Der Tabarro ist nicht minimalistisch im Sinne der Mode, aber im Sinne der Tragbarkeit. So wie heute New York war einst Venedig trendgebend: Gondeln und Paludamenti (auch Tabarri) waren ursprünglich bunt, voller Rüschen und bunter Quasten als Erkennungszeichen und Symbol vom Prunk der wohlhabenderen Schichten. Nach den grausamen Jahren der Pest beschloss die Regierung, dass als Zeichen der Trauer von nun an alles schwarz sein sollte. Und so war und so blieb es: schwarze Gondeln und schwarze Tabarri. Ein Trend, der bis zum heutigen Tag anhält.

Der Tabarro besteht aus einem Gewebe, das eine Bindung aus verzwirntem Garn aufweist, bei der die Fäden umeinander geschlungen sind; und damit der Saum nicht verrutscht, wird er mit Rohschnittkante gefertigt.

Ich persönlich trage ihn mit einer Jacke darunter, wenn man ihn um sich wickelt, ist er sehr wärmend. Auch an einem regnerischen Tag, mit den passenden Schuhen und einem Hut dazu, sieht man toll aus. Kein Anorak hält Sie so warm wie ein Tabarro. Das nenne ich gut gekleidet – und es ist mindestens so bequem.

Woman wearing a Tabarro Cloak
Foto: Tabarro

Der Tabarro ist modern.

Ja, und er ist nachhaltig. Der Tabarro ist umweltfreundlich und sogar recycelbar; absurderweise wird er zermahlen und aus der hervorragenden Wolle kann man eine Decke machen. Ich habe es noch nie erlebt, dass jemand seinen Tabarro in einem Leben abgenutzt hat, ein Tabarro wird vererbt. Die Welt verändert sich, die Essgewohnheiten und die Lebensweise ebenso. Ich kämpfe weiter, weil ich möchte, dass die Dinge, die wir tun und wie wir sie tun, gewürdigt werden. Ich möchte, dass die Stoffe, die wir verwenden, zertifiziert und umweltfreundlich sind. Ich achte darauf, woher die Wolle kommt, dass sie mulesingfrei ist, also ohne das unnötige Abreißen der Haut gewonnen wird. Ich setze mich für Wolle aus Südamerika ein, wo die Schafe besser leben und von Indianern geschoren werden. Ich genieße die Wildheit der Natur – auch bei der Wahl der Wolle.

Um den Tabarro zu pflegen, kann man ihn einfach abbürsten oder, wie es früher üblich war, im Schnee waschen. Ich wasche meine mit einem Gartenschlauch und hänge sie dann zum Trocknen auf.

Making a Wool Cloak
Foto: Tabarro

Was ist die Magie hinter dem Tabarro?

Die Magie entsteht durch eine Alchemie; deren Elemente sind der Stoff, der Faden, der die Essenz des Gewandes freisetzt, und die Persönlichkeit des Trägers, welche dem Stoff Form und Charakter verleiht – dieser verändert sich, je nachdem, ob er von einem Mann oder einer Frau getragen wird. Ich zum Beispiel habe drei Tabarri: einen aus einem Vicuña-Schnitt, den mir Herr Loro Piana geschenkt hat, einen schönen schwarzen Lustrissimo, wenn ich nach Venedig fahre, und einen Brigantino. Der Tabarro erzählt etwas über uns, er bekleidet und begleitet unser Leben, er sagt, wer wir sind und gibt von Generation zu Generation unverwechselbare Eleganz weiter.

Jahrhunderte vergehen und der Tabarro fesselt immer noch unsere Aufmerksamkeit. Jetzt müssen wir nur noch einen besitzen und uns von diesem zeitlosen Stoff ummanteln lassen, der von Geschichte und Traditionen erzählt und währenddessen mit einem Zeitgeist besticht, der nicht nur Schönheit, sondern auch Nachhaltigkeit fest im Blick hat.

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Worte: Cristina Agnelli

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