Dreissigacker: Ein etwas anderer Riesling

Wäre es nach seinen Eltern gegangen, wäre Jochen Dreissigacker heute Steuerberater. Glücklicherweise hatte dieser für seine Berufswahl jedoch andere Pläne und sattelte nach der ungeliebten Ausbildung um und widmete sich dem Weinanbau. So übernahm er das heimische Weingut und änderte es von Grund auf, um der Welt seine Definition eines Rieslings zu präsentieren. Unverfälscht, anders, prägnant. Ein Wein, der nicht jedermanns Geschmack trifft, dessen einzigartiger Charakter jedoch den Weg in ausgewählte Restaurants dieser Welt gefunden hat. Wer schon mal bei dem vielfach prämierten Spitzenkoch Tim Raue diniert hat, wird vermutlich mit dem eindrucksvollen Geschmack eines Dreissigackers vertraut sein. Wir hatten die Chance, mit Jochen Dreissigacker zu sprechen, um mehr über sein biodynamisches Weingut zu erfahren und der Frage auf den Grund zu gehen, was den Geschmack von Dreissigacker denn nun so besonders macht.

Wie bringt man ein Weingut in die „Liga der Spitzenweingüter“?

Das war natürlich kein Business-Modell, das wir geplant hatten, aber als ich anfing, hatte ich das Glück, bei einem der besten Weingüter Deutschlands zu lernen: dem Weingut Keller. Die haben mir damals schon eine komplett neue Philosophie zum Thema Wein mitgegeben. Zu der Zeit in Rheinhessen und generell in Deutschland versuchten Weinbetriebe ständig, jedem alles Recht zu machen – und haben dadurch ein bisschen den Fokus verloren.

Als ich anfing, war ich schon ein großer Riesling-Fan und wusste, dass ich mich nur darauf konzentrieren möchte. Dann kam auch relativ schnell das Thema ökologischer Weinbau dazu. Es ging darum, den Weinbau irgendwie neu zu denken, weiterzuentwickeln, auf eine neue Ebene zu heben. Mir war schnell klar, dass es Eigenständigkeit braucht und dass man vor allem authentisch sein muss.

Wir haben sehr spezielle Böden und Lagen bei uns und ich wollte diese Aromatik in die Flasche transportieren. Vor allem beim Riesling, weil es eine Rebsorte ist, die sehr sensibel auf die Eigenschaft der Böden reagiert.

Wir haben in kürzester Zeit alles auf den Kopf gestellt und dadurch 70 % unserer Kunden verloren, weil die Weine auf einmal total anders schmeckten. Wir hatten vorher 40 % Rotwein in der Produktion, auf einmal waren es nur noch 5 %. Unsere bisherigen Weine waren eher leichter und auf einmal waren sie kraftvoll, intensiv, nachhaltiger – das war schon ein relativ strammer Paradigmenwechsel. Wir wussten allerdings auch nicht, ob es funktioniert. Es gab viel Idealismus und letztendlich gehört immer eine Portion Glück dazu. Wir hatten Glück, dass die Weine neue Kunden gefunden haben.

Und wer waren dann diese neuen Kunden?

Als ich angefangen habe, hatten wir keine Gastronomiekunden in Deutschland, jetzt verkaufen wir fast 100 % unsere Weine in die gehobene Gastronomie. Und das hat sich relativ schnell entwickelt. Wir waren in Berlin, das war einer der ersten Orte, wo unsere Weine präsent waren. Berlin war unser Sprungbrett, da die Stadt grundlegend sehr offen ist und aus Berlin heraus hat sich das deutschlandweit entwickelt sowie in andere Länder übertragen.

Wie war das für ihre Eltern, dass sich alles auf einmal so verändert hat?

Ich muss sagen, meine Eltern waren extrem lässig und sehr entspannt im Anbetracht dessen, dass ihr Sohn innerhalb von eineinhalb Jahren einfach das ganze Business, das sie vorher hatten und das auch schon einigermaßen funktioniert hat, an die Wand gefahren hat, weil er seiner Überzeugung hinterher geeifert ist. Da wäre ich heute wahrscheinlich nicht so locker, aber sie haben auch wirklich gesehen, dass mein Bruder und ich Tag und Nacht gearbeitet haben, dass wir uns voll eingesetzt haben und die Verantwortung, die sie uns übertragen haben, ernst genommen haben. Deswegen hatten sie, glaube ich, ein ganz gutes Vertrauen und sind heute auch ganz froh darüber.

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Sie haben auch den Familienbetrieb auf ökologischen Weinbau umgestellt. Können Sie uns mehr über diesen Prozess erzählen? Was bedeutet es, ein biodynamisches Weingut zu sein?

Grundlegend muss man sagen, alles bei uns im Weinbau hat ganz viel mit Zeit zu tun. Wir müssen ja langfristiger denken und wenn ich zum Beispiel heute einen Weinberg anpflanze, dann sind die Reben in 15 Jahren soweit, so eine Qualität zu liefern, dass ich einen Top-Wein produzieren kann. Wenn man mit Pflanzen arbeitet, ist es relativ schnell klar, dass es zwei Arten gibt, damit umzugehen: Entweder ich spiele die Feuerwehr und schmeiße dem Rebstock immer das hin, was er gerade braucht oder ich betrachte es ganzheitlicher und sage, ich muss dem Rebstock das geben, was er braucht, damit er eigenständig gut funktionieren kann. Und das kannst du einfach nur durch gesunde und lebendige Böden erreichen, weil dann der Rebstock so viel Kraft und Vitalität hat, dass er sich besser gegen Schädlinge zur Wehr setzen kann und auch mit Veränderungen wie Trockenheit oder Kälte besser umgehen kann.

Es ging erst los mit dem klassischen ökologischen Weinbau und dieses Jahr haben wir auf den biodynamischen Weinbau umgestellt. Das hat damit zu tun, was ganzheitlich einfach Sinn ergibt. Beim biodynamischen Weinbau gibt es Effekte, an denen man sieht, das sie ganzheitlich gut wirken. Zum Beispiel kochen wir Pflanzen, wie etwa Ackerschachtelhalm, und machen Tee daraus, den wir auf unsere Reben spritzen.

Wir haben uns auch der Stiftung Lebensraum angeschlossen. Dabei geht es um nachhaltige Landwirtschaft mit lebendigen Böden und eine Humuserhöhung, die die Qualität der Reben ebenfalls steigert. Je höher der Humusgehalt, desto mehr CO2 kann der Boden speichern – ein netter Nebeneffekt, mit dem man sogar noch was für die Natur machen kann.

Foto von Dreissigacker

Gemeinsam mit dem Büro Severain Architekten haben Sie ein neues Weingut geplant, das 2018 eröffnet wurde. Wie hat das neue Weingutsgebäude die Produktion verändert?

Mit dem Neubau wollten wir einen Ort mit einer perfekten nachhaltigen Produktion schaffen, wo wir aber auch die Möglichkeit haben, mindesten zwei Jahrgänge zu lagern. Dadurch hat der Wein deutlich mehr Zeit, sich zu bilden und langsam zu reifen. Riesling, gerade als Rebsorte, braucht mehr Zeit.

Zusätzlich haben wir auch darauf geachtet, dass das Gebäude zu unserer Idee von Nachhaltigkeit passt. Wir haben viel mit Holz gebaut, erzeugen unseren eigenen Strom, sammeln unser Wasser und können aufgrund der Bauphysik optimal isolieren. Wir haben auch in den Erdboden hinein gebaut, sodass wir die Weine dort gut lagern können.

Foto von Dreissigacker

Sie sehen den Betrieb als ein Generationenprojekt. Was sind ihre Pläne für die Zukunft?

Ich hab zwei Söhne, was eine schöne Sache ist, weil man sagen kann, dass man Nachfolger hat, die das weitermachen können. Natürlich ist es für jeden, der etwas aufbaut, eine große Freude, wenn es weitergeführt wird – gerade weil unser Weingut schon ein paar Generationen hinter sich hat. Aber für mich war das so mit meinen Eltern, ich habe zwar mitgearbeitet im Weingut und wusste auch, was Sache ist, aber sie haben mir nie den Druck gegeben, dass ich das machen muss. Dadurch hatte ich viel Freiraum und konnte meine eigenen Wege gehen. Und im Endeffekt wünsche ich mir auch für meine Kinder, dass sie ihren eigenen Weg gehen können. Wenn sie es irgendwann so spannend finden, dass sie das machen wollen, dann freue ich mich total und unterstütze sie. Aber ich unterstütze sie in allem anderen genauso.

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Text: Feride Yalav-Heckeroth
Fotos: Dreissigacker

 

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