Essen und Ästhetik: Berlin Restaurant Guide

Ryotei

Unverputztes Mauerwerk, Holzböden, ein Mischmasch aus Tischen und Stühlen vom Flohmarkt, eine Handvoll Pflanzen und über und über mit Aufklebern beklebte Toilettenkabinen – die prägenden Kennzeichen von Restaurants und Bars in Berlin. Es klingt vielleicht zunächst abwertend, aber ich habe diesen Stil schnell zu lieben gelernt, nachdem ich erstmals in die Stadt gezogen war. Sie spiegeln die Berliner “Komm-wie-du-bist-Mentalität” wider und sind eine willkommene Abwechslung zu den durchgestylten Etablissements, die ich in London hinter mir gelassen hatte.

Aber bekanntlich ist Vielfalt die Würze des Lebens. So unaufdringlich wie Berlin ist, entgeht einem so einiges, das die Stadt zu bieten hat, wenn man nur flüchtig zu Besuch ist und sogar wenn man hier lebt. Die Gastronomie-Szene hat sich in den letzten Jahren ungemein weiterentwickelt und mit einem fliegenden Wechsel an Neueröffnungen ist es schwierig, auf dem Laufenden zu bleiben.

Wir möchten die Berliner Restaurants würdigen, die nicht nur vorzügliche Speisen zubereiten, sondern auch einen wunderschönen Rahmen gestaltet haben, um sie zu genießen. Denn Erfahrung geht über den Geschmack hinaus. Die besten Küchen- und Restaurantchefs sind sich bewusst, dass sie alle Sinne stimulieren können, um ein unvergessliches Erlebnis zu schaffen. Wahre Könner vollenden die Präsentation auf dem Teller durch ein raffiniertes Ambiente.

Man muss kein Akademiker oder Fanatiker sein, um gutes Design zu genießen. Wie bei jeder anderen Kunst geht es oft um das Gefühl.  Für die Wertschätzung reicht vielleicht schon eine simple Frage: „Was empfinde ich, wenn ich in diesem Raum bin?” Wird man in einem der folgenden Restaurants verköstigt, fällt die Antwort garantiert ausführlicher aus als „hungrig”.

Die besten Berliner Restaurants
Foto: John Bauer

Ryōtei 893

Von außen sieht das Ryōtei 893 aus wie ein verlassenes Geschäft, dessen Glasfront Graffitikünstler und Vandalen übernommen haben. In der Tat war es eine Drogerie-Filiale, bevor die Firma 2012 Insolvenz anmelden musste. Glücklicherweise erinnert im Inneren nichts an dieses Vorleben. Stattdessen heißen eine dynamische offene Küche, stimmungsvolle Beleuchtung und ein eleganter Marmortresen die Gäste willkommen. Im Bereich der Kantstraße konzentrieren sich einige der köstlichsten asiatischen Restaurants Berlins, doch die Überraschung beim Eintreten, die Freude, den Köchen bei der Arbeit zuzusehen und natürlich das Essen machen Ryōtei 893 zweifellos zu einem der besten. Wem das noch nicht genügt, dem sei nur noch gesagt, dass das Talent hinter dem Ryōtei 893 niemand anderes ist als Duc Ngo, dessen kreative Meisterhand schon das Cocolo Ramen, Kuchi, Funky Fisch, Ngo Kim Pak und The Golden Phoenix begründet hat.

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Foto: Kai Hamberg

Dae Mon

Das exklusive Interieur des Dae Mon wird von einem leuchtenden Augenpaar überragt, das über der Küche prangt. Punktgenaue Lichtkegel, deren Klarheit im schwarzen Raum gebrochen wird, lassen sowohl die Kunst an den Wänden als auch die ausgewählten Möbel umso reizvoller schimmern. Ganz im Sinne des kulinarischen Konzepts der “open-minded cuisine”, also der weltoffenen Küche, begegnen sich im Angebot europäische, japanische und koreanische Einflüsse. Doch Chefkoch Raphael Schünemann ist – getreu dieser Aufgeschlossenheit – für Inspirationen von überall auf der Welt empfänglich. Das Dae Mon wurde sogar in den begehrten Guide Michelin aufgenommen und erhielt einen Michelin Teller – nicht ganz ein Stern, aber  eine bemerkenswerte Auszeichnung.

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La Cote
Foto: La Côte

La Côte

Regionale Farm-To-Table-Produkte sind nun schon seit einer Weile nichts Neues mehr auf den Speisekarten der Welt – auch nicht in Berlin. Restaurant & Bar La Côte geht jedoch noch einen Schritt weiter und wendet die gleiche Philosophie auf die Inneneinrichtung an. Die Terrazzo-Tischplatten von Kentholz, einem Berliner Hersteller für handgefertigte, nachhaltige Premiummöbel, fallen dabei als erstes ins Auge, ebenso wie die tiefgrünen Fliesen vom Berliner Fliesenmarkt. La Côte arbeitet auch mit lokalen Weinläden zusammen, um zu seinen frischen, unkomplizierten Gerichten den entsprechenden Wein reichen zu können.

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Die besten Berliner Restaurants
Foto: MINE

MINE

Die meisten Städte versuchen sich mit wechselndem Erfolg an italienischem Essen – selbst in Italien – und Berlin ist keine Ausnahme. Aber wenn jemand sich derart sorgfältig nicht nur der Einrichtung des Speiseraums, sondern auch der Dekoration der Toilettenräume widmet, ist vielleicht auf der Gewinnerseite. MINE hat den Ruf, eines der besten italienischen Restaurants in Berlin zu sein (wenn nicht sogar das beste) und ich würde dem nicht widersprechen. Auf der Karte finden sich traditionell zubereitete Gerichte neben spannenden Neuinterpretationen von Klassikern. Und die kann man in einem Ambiente genießen, das es in der Stadt kein zweites Mal gibt. Der eindrucksvolle – vom italienischen Möbeldesigner Aldo Tura Mitte des letzten Jahrhunderts entworfene – Barwagen ist dabei nur das Sahnehäubchen.

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Die besten Berliner Restaurants
Foto: Robert Rieger

Pauly Saal

Ein Klassiker in Berlin, aber nichtsdestotrotz ein wunderschöner, der immer wieder aufs Neue beeindruckt. Der Pauly Saal befindet sich in der ehemaligen Turnhalle einer jüdischen Mädchenschule. Mit seinen hoch aufstrebenden Decken, den üppigen grünen Sitzecken, den großen Fenstern und einem sechs Meter langen Raketennachbau an der Wand könnte der Saal einer Szene eines Wes Andersen-Filmes entspringen. Aber er ist auch die ideale Kulisse für eine klassische französische Speisenfolge von Chefkoch Dirk Gieselmann mit der Wahl zwischen drei und sechs Gängen. Der Service ist ebenso unvergleichlich wie die Geschichte des Ortes und seine Ausstattung.

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Die besten Berlin Restaurants
Foto: Restaurant Richard

Restaurant Richard

Besucher, die nicht abseits der ausgetretenen Touristenpfade wandeln, werden schwerlich auf das Restaurant Richard stoßen. Gleichwohl beherbergt das im 19. Jahrhundert erbaute Gebäude, in dem es sich befindet, schon seit fast einem Jahrzehnt Restaurants. Das neuste ist das Werk von Hans Richard, einem Schweizer Koch und Künstler. Dessen kreative Talentkombination findet ihren leidenschaftlichen Ausdruck sowohl im wechselnden Vier-Gänge-Menü als auch in einer sorgfältig ausgewählten Sammlung von zeitgenössischen Kunstwerken, die im ganzen Restaurant ausgestellt sind und den Stil maßgeblich prägen. Man mag vielleicht zum Essen kommen, doch ist es durchaus möglich, dass man am Ende von Bild zu Bild streift wie in einer Galerie und zwischendurch die filigranen Schnitzarbeiten an der Decke bewundert.

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Text: Aaron Howes

 

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