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Uhrmacher Alain Silberstein & Philippe Lebru im Interview über Zusammenarbeit, Inspiration und Kontwaz Bauhaus 2
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Uhrmacher Alain Silberstein & Philippe Lebru im Interview über Zusammenarbeit, Inspiration und Kontwaz Bauhaus 2

Wenige Kollaborationen wurden so sehnsüchtig erwartet wie die von Alain Silberstein und Philippe Lebru, den französischen Avantgarde-Uhrmachern, die das Handwerk neu erfunden haben sollen. Das von der visionären Marke MB&F präsentierte Ergebnis ist die Kontwaz Bauhaus 2 (KB2), eine fantasievolle Verschmelzung der jeweiligen Kunstfertigkeit, die beide Hersteller berühmt gemacht hat.

1987 stellte Alain – ein ausgebildeter Architekt und Industriedesigner – die Welt der Uhrmacherei auf den Kopf und leitete mit seinen exzentrischen, von Bauhaus inspirierten Designs in Primärfarben und verspielten Linien eine neue Moderne ein. In der Wiege der Uhrmacherei an der französisch-schweizerischen Grenze fertigt Philippe in seiner Manufaktur UTINAM Besançon seit über 25 Jahren preisgekrönte Designs, die vor allem für seine revolutionären „selbstausgleichenden“ Pendel bekannt sind.

Die beiden sind radikale Künstler an der Grenze des Fortschritts und gleichzeitig Hüter einer gemeinsamen Geschichte: der Uhrmacherei, der Kreativität und der Menschlichkeit. Letztendlich wirkt die Arbeit von Alain und Philippe wie eine Art Magie, die das Kostbarste bewahrt – die Zeit – die sich uns ständig entzieht.

Kontwaz Bauhaus 2 (KB2)

Führt uns zurück zu eurem allerersten Uhrendesign: Wo wart ihr zu der Zeit, wie war der Prozess und wie sah das Endprodukt aus?

Alain – In den frühen 1980er Jahren begann ich, kleine Uhren mit Botschaften zu entwerfen, inspiriert von dem, was Swatch tat. Die Entdeckung mechanischer Uhrwerke inspirierte mich von Anfang an, und ich entwarf meine erste Chronographen Uhr, die KRONO, die 1987 auf meiner ersten Messe in Basel vorgestellt wurde.

Philippe – Das allererste Design… war ein patentiertes mobiles Konzept, das in einem Gehäuse geliefert wurde, das auf Bestellung im französischen Jura entworfen und hergestellt wurde. Im Inneren dieses kleinen Gehäuses befanden sich mehrstöckige Kufen, die es ermöglichten, die sichtbaren Komponenten, die eine Uhr ausmachen, zu stapeln, und die eine Auswahl zwischen vier Gehäusen, sechs Armbändern, sechs Zeigern und zweiundvierzig Zifferblättern boten, die von jungen Künstlern speziell für die Kollektion „Typik“ entworfen wurden… Die Kunden konnten das Zifferblatt selbst gestalten. So kam jeder in den Genuss einer einmaligen Uhr zu einem vernünftigen Preis.

 

Gibt es Bereiche oder Details in der Kontwaz Bauhaus 2, bei denen der Eingriff eines der beiden Designer vor allem die Sphäre des anderen beeinflusst hat?

Alain – Philippe gab mir „carte blanche“, alle Elemente, die sein Uhrwerk ausmachen, neu zu gestalten. So konnte ich die Originalität verstehen und die Schönheit dieses Uhrwerks entdecken. Es war ein Dialog zwischen zwei Schöpfern, eine Quelle der Bereicherung für uns beide, eine Möglichkeit, uns besser kennenzulernen. Das ist es auch, worum es bei künstlerischen Kollaborationen geht.

Philippe – LEBRU X SILBERSTEIN war die erste Zusammenarbeit für UTINAM… Diese Übung erforderte Offenheit für alle Beteiligten, das Teilen von Standpunkten, um neue Wege zu eröffnen. Es war ein bisschen wie bei zwei Eltern, die versuchen, sich darüber zu einigen, wie man ein Kind erzieht. Wir sprachen immer über jedes Element, das in KB2 einfloss, denn jedes Teil hatte seinen Anteil an Form und Funktion.

 

Von was oder wem bezieht ihr eure größte Inspiration?

Alain – Der kreative Prozess ist sehr geheimnisvoll. Ich bin in diesen Momenten im Hörmodus, aufmerksam auf alles, was mich umgibt, mit allen Sinnen. 

Philippe – Ich träume mit weit geöffneten Augen und bewege mich von einem Kontext zum nächsten.

Alain Silberstein and Philippe Lebru Kontwaz Bauhaus 2 (KB2)
Kontwaz Bauhaus 2 (KB2)

Alain, wie wendest du deine Erfahrungen aus dem Industriedesign und der Hotelarchitektur auf dein heutiges Handwerk an?

Ich habe immer gesagt, dass der Wechsel vom Innenarchitekten zum Uhrenarchitekten nur eine Frage des Maßstabs ist: von einem Millimeter zu einem Zehntelmillimeter. Ein Architekt ist ein „maître d'œuvre“, jemand, der seine Arbeit beherrscht, indem er mit allen Fachfirmen, die für die Realisierung seines Projekts notwendig sind, in Dialog tritt. Meine Ausbildung und Erfahrung als Architekt haben mir bei diesem beruflichen Übergang sehr geholfen: die Geschichte der Uhrmacherei kennenzulernen, die verschiedenen Techniken zu entdecken, mechanische Uhrwerke, die Konstruktion von Gehäusen und andere Uhrenkomponente zu verstehen.

 

Philippe, wie hat die Kultur und Geschichte von Besançon deine Herangehensweise an dein Handwerk oder deine Lebensphilosophie am tiefsten beeinflusst?

Besançon ist eine Stadt an der Grenze, in der die Zeit vergeht und die manchmal versucht, die Zeit festzuhalten oder zu kontrollieren. Ich fand mich an einem Ort wieder, an dem die Zeit die Arterien und Organe der Stadt zu definieren scheint. Die Zeit fließt hier weiter, um uns zu überzeugen, dass sie konstant ist. Tatsächlich hat die UNESCO das französisch-schweizerische Uhrenland gerade für seine Handwerkskunst der mechanischen Uhrmacherei und Kunstmechanik registriert.

 

Es gibt immer ein gewisses Gerede über Smartwatches und mechanische Uhren, und warum letztere so passé sind. Was ist eure Meinung zu diesem Thema?

Alain – Eine Smartwatch ist eine Art multifunktionales Schweizer Taschenmesser, das in bestimmten Situationen nützlich sein kann. Aber ihre Obsoleszenz ist programmiert. Eine mechanische Uhr misst das Intimste von allem: deine persönliche Zeit. Sie ist ein mit Emotionen aufgeladenes Objekt, das von Generation zu Generation weitergegeben wird. Schöne Objekte zu schaffen, die die Zeit messen, ist das, was mich leitet.

Alain Silberstein and Philippe Lebru Kontwaz Bauhaus 2 (KB2)
Alain Silberstein und Philippe Lebru | Kontwaz Bauhaus 2 (KB2)

Der moderne „französische Touch“ in der Uhrmacherei war schon immer ein bisschen schrullig und respektlos. Wie hat das Erbe von Designern wie Roger Tallon die Kreation der KB2 beeinflusst?

Philippe – Der „französische Touch“ ist das Erbe einer Kultur, die sich durch ihre Innovation und Kreativität auszeichnet. UTINAM ist der Begründer einer neuen, zeitgemäßen Art der Uhrenherstellung, die die Standuhr wieder in den Mittelpunkt rückt. Roger Tallon gilt als Urvater des französischen Industriedesigns, insbesondere für den TGV und Möbel, die eine farbenfrohe, innovative Ästhetik ausstrahlen. Die Kontwaz Bauhaus 2 teilt diese sehr gewagte „Frenchie“-Kühnheit, die die Linien zurückdrängt.

 

Wie hat der für MB&F typische „Outside-the-Box“-Ansatz eure Designentscheidungen bei diesem Projekt motiviert oder befähigt?

Philippe – Unser kreatives Konzept wird von dem Wunsch geleitet, die Uhr zurück ins Haus oder in die Familie zu bringen: diese große, mobile, stehende – fast lebende – Figur zurückzubringen… in vielerlei Hinsicht ist das Denken außerhalb der Box die Signatur von UTINAM, wenn man die sichtbaren Uhrwerke betrachtet.

 

Der KB2 ist auf nur 88 Stück limitiert. Wie, glaubt ihr, verändert das die Beziehung des Käufers zu diesem Stück? Könntet ihr euch vorstellen, dass eines davon irgendwann versteigert wird?

Alain – Eine erste limitierte Serie ist wichtig, weil sie ein künstlerisches Werk in der Zeit festschreibt. Andere können folgen, aber sie sind anders, bereichert durch diese erste Erfahrung. Viele Sammler möchten ein Stück aus der ersten Auflage besitzen, das Stück, mit dem alles begann. Ich habe schon früher Uhren versteigern lassen; so wird es auch mit der Kontwaz Bauhaus 2 sein. 

 

Wie würdet ihr euer(e) Leitprinzip(e) definieren?

Alain – Ehrlichkeit.

Philippe – Beobachte die Vergangenheit, stelle dir die Zukunft vor.

Kontwaz Bauhaus 2 (KB2)

Innerhalb der reichen Geschichte der Uhrmacherkunst, wie wünscht ihr euch, dass man sich an eure Designs erinnert?

Alain – Einmal geschaffen, gehören meine Uhren nicht mehr mir, sie haben ihr eigenes Leben. Dass sie denjenigen, die sie von ihren Eltern geschenkt bekommen, und denjenigen, die sie tragen, weiterhin Freude bereiten, ist die schönste aller Leistungen.

Philippe – UTINAM zeichnet sich durch seinen Erfindungsreichtum und seine Patente aus, durch seinen durchsetzungsfähigen ästhetischen Ansatz und durch seine Sprache, die ein großes Symbol zurück ins Haus bringt. Mit dieser Zusammenarbeit hat UTINAM (das auch das Motto von Besançon ist) gerade ein UFO herausgebracht, das zu einer Referenz in der großformatigen Uhrmacherkunst werden könnte…also beobachtet auch diesen Bereich.

 

Mit Hintergründen und Karrieren, die den Globus umspannen, würden wir gerne wissen – was ist eure Lieblingsstadt? Und was sind die Top 3 Orte dort, die ihr eurem besten Freund empfehlen würdet, wenn er oder sie in der Stadt ist?

Alain – Ich bin in Paris geboren und aufgewachsen. Zufällig durch großartige und inspirierende Städte zu streifen, ist mein größtes Vergnügen. Sich überraschen lassen von Vierteln und Architektur, Geschäften und Galerien, Parks und Gärten, von Essen, Farben und Gerüchen. Einfach auf einer Bank zu sitzen und Menschen zu beobachten. Bei dieser Pandemie vermisse ich Paris, Tokio und New York.

Philippe – ich kann besonders empfehlen, nach Besançon zu kommen, der großartigen Stadt der Kunst und Geschichte. Übernachte im Le Sauvage, esse im Le Parc, entdecke das Musée du Temps, trinke etwas in der Rue Bersot…und wenn du schon dabei bist, besuche unsere Galerie und Manufaktur.

 

Wie würdet ihr einem Kind eure Arbeit erklären?

Alain – Ich zeichne Uhren, wie er/sie Häuser oder Blumen zeichnet. Da gibt es keinen Unterschied.

Philippe – Man nehme ein Stück Holz, modelliere es, und erwecke es mit einer langen Nase zum Leben…

 

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